Wilhelm Simonsohn

Wilhelm Simonsohn geboren am 9.9.1919 wird als Baby adoptiert und wächst in gut situierten Hamburger (Altonaer!) Verhältnissen auf.

Auszug aus einem seiner Briefe aus dem Jahr 1997:

„Meinen Vater, Leopold Simonsohn (einen anderen habe ich ja nie kennengelernt) habe ich in allerbester Erinnerung. Seine moralischen Ansprüche waren immer sehr hoch gesteckt, wenngleich er politisch in eine Richtung tendierte, die man als deutsch-national bezeichnen könnte.

Wilhelm als Kind, geboren 1919

Zur Wahlzeit hing jedenfalls die deutsche „Reichskriegsflagge“ aus der Dachluke unseres Hauses (heute das Symbol der Rechtsradikalen), mit der Folge, dass mir, dem ca. 10-12jährigen, von den „Linken“ die Schulterriemen um die kurz behosten Beine geschlagen wurden. Eine verrückte Welt aus der Froschperspektive eines Knaben, der mittelbar auch den sog. Blutsonntag von Altona 1932 mit seinen vielen Toten und Verletzten miterleben musste.

Jugendlicher

Der politische Spagat, dem ich zwangsläufig ausgesetzt war, wurde noch skurriler durch den von meinem (jüdischen) Vater nach 1933 initiierten Beitritt zur Marine-Hitlerjugend, wobei mich die Segelei auf der Elbe vorrangig interessierte. Einige Zeit zuvor war ich, gleichfalls dank der Initiative meines Vaters, Mitglied in der Yachtschule Blankenese geworden, deren Leiter der stockkonservative Korvettenkapitän a.D. v. Stosch war, der die deutsche Niederlage im 1. Weltkrieg in keiner Beziehung verdaut hatte.

bei der Marine-Hitlerjugend – zunächst…

Noch in der Siedlung Steenkamp wohnend, wurde mir vom Pastor der Luthergemeinde in Bahrenfeld eröffnet, dass meine Eltern „nur“ meine Adoptiveltern seien. Der Hintergrund war, dass man mich in der Schule wie auch in der Hitlerjugend u.a. als „Judenlümmel“ apostrophiert hatte.

Nach der Offenbarung durch Pastor Andersen sanken meine Eltern und ich uns weinend in die Arme. Das muss um 34/35 gewesen sein. Ich trat aus der Hitlerjugend aus und hatte in dem damaligen Bannführer Ferro einen Gesprächspartner, der meine Begründung – wenn auch zähneknirschend, wegen seiner Kenntnisse in der Seemannschaft – akzeptierte. Das Wort „Treue“ stand in der damaligen Zeit  sozusagen als eine „arische“ Tugend hoch im Kurs. Golo Mann hat das nach dem Krieg einmal so formuliert: „Die Treue ist nun einmal eine Tugend und eine dem Menschen lebensnotwendige, und wir können sie nicht in alle Ewigkeit verachten, weil das Wort ein paar Jahre lang auf den Dolchen der SS gestanden hat.“

Nicht lange danach mussten wir unser schönes Heim in Steenkamp verlassen (Miete unerschwinglich) und wir zogen um nach Altona in eine Dachgeschosswohnung, die nach Lage, Größe und Ausstattung schon sehr an Zilles „Milljöh“ erinnerte. Mein Vater fuhr noch einige Zeit als Matrose zur See, bis er als Jude auch für die niedrigsten Drecksarbeiten nicht mehr anheuern durfte. So endete seine berufliche Karriere als Nachtwächter auf verschiedenen Baustellen.“

Hochzeit mit Lisel
Pilot
viele gemeinsame Reisen
im Raum der Erinnerungen

Ein Leben zwischen Krieg und Frieden

Der ehemalige Verwaltungsleiter der Uni Hamburg Wilhelm Simonsohn hat als Adoptivsohn jüdischer Eltern deren Verfolgung miterlebt und meldete sich trotzdem auf Rat seines Vaters freiwillig zur Luftwaffe. „Er zeigt die Widersprüche und Brüche in der Geschichte, wie sie erfahren und verarbeitet wurden“, so Dr. Alexander von Plato vom Institut für Geschichte und Biografie der FernUniversität Hagen.

 

 

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Angelika Brötzmann

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