Katharina Plehn-Martins

 

 

Mit vier Müttern und ohne einen Vater plumpste sie ins Leben …

Die sieben Leben der Katharina Plehn-Martins

 1947-1950 Frühe Jahre im Hessenland

 

Knapp zwei Jahre war der zweite Weltkrieg zu Ende, da erblickte die kleine Katharina das Licht der Welt. Die Welt, das war ein Bauernhof in einem 500-Seelen-Dorf im Hessischen. Die Schwangerschaft der Mutter blieb unter ihrer Tracht und Körperfülle den Dorfbewohnern verborgen. Plumps – plötzlich war das sechste Kind der Bäuerin da: ungewollt, ungeliebt, einfach nur lästig. Es wurde zum Dorfgespräch. Kein Vater weit und breit: Der Ehemann der Bäuerin war noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, zwei russische Männer arbeiteten in den Nachkriegswirren auf dem Hof. Wer mochte wohl der Vater sein? Diese Frage wurde in Katharinas Leben nie beantwortet, diese Frage war ihr selbst irgendwann nicht mehr wichtig. War sie ein Kind der Liebe, ein Kind eines Seitensprungs, ein Kind einer Vergewaltigung? Die Mutter schwieg dazu bis an ihr Lebensende.
Am Tag nach der Geburt musste die Bäuerin wieder zur Arbeit aufs Feld, das Neugeborene gab sie bei einer älteren Nachbarin ab. Die kümmerte sich um Katharina. Von diesen zwei Müttern bekam sie keine Liebe, sie war ein Kind zum Verstecken. So legte es sich nahe, die Kleine wegzugeben, in eine benachbarte Stadt zu einer bekannten Familie. Dort konnte sie mit zwei weiteren Kindern die ersten drei Lebensjahre aufwachsen. Die Pflegefamilie bekam dafür Naturalien vom Land: Kleinvieh, Würste, Brot. Über diese Zeit bei ihrer dritten Mutter weiß Katharina selber wenig, ein Foto zeigt sie jedoch als ein fröhliches Kind mit zwei Geschwistern, die keine waren. Auf Dauer wurden die Naturalien zu teuer, so holte man Katharina als Dreijährige wieder auf den Hof zurück. Von den älteren Geschwistern gehasst, vegetierte sie dort vor sich hin, wurde schwächlich, lagerte und schlief zeitweise auf dem Boden der Bauernstube und bekam auch mal einen Fußtritt ab, wenn sie dort gerade im Wege lag.

Endlich Eltern

 1950 – 1970 Kindheit, Jugend, Erstberuf und eine Reise

 

Katharinas Leben veränderte sich radikal, als eine Erholung suchende, kinderlose Frau in der Nachkriegszeit vom Niederrhein auf den hessischen Bauernhof kam und sich in dieses erbärmliche kleine Wesen verliebte. Mit Einverständnis der Erst-Mutter nahm sie das Kind mit in ihre Heimatstadt Moers. Geliebt und umsorgt lebte Katharina dort wieder als Pflegekind: Die Frau wurde zu ihrer „Tante Else“. Jahr um Jahr drohte allerdings eine Rückkehr auf den Bauernhof bis Katharina 1955 von dem niederrheinischen Ehepaar adoptiert wurde. Sie hatte nicht nur ihre vierte Mutter bekommen, sondern einen Vater obendrein: Zu dritt wuchsen sie zu einer kleinen, glücklichen Familie zusammen. Die früheren Mütter hatten in Katharinas weiterem Leben keine Bedeutung, ihre echte und richtige Mutter war nur eine: nämlich die, die sie mitgenommen hatte in ein neues Leben. Ihre „Tante Else“, die zu „Mutti“ wurde, die Frau, die sie umsorgt, gehegt und gepflegt hatte, die nächtens, wenn Angstträume sie plagten, an ihrem Bett saß und ihre Hände auf die fiebrige Stirn des Kindes legte. Ihre Herkunft, der unbekannte Vater wurden für Katharina nie zu einer Identitätsfrage, sicher auch deshalb, weil sie von frühester Kindheit an wusste und man offen darüber sprach, dass sie aus einer anderen Familie stammte und nun in einer neuen, in ihrer Familie aufwuchs.

Behütet und gefördert entwickelte sie sich zu einem klugen Kind, war eine gute, sehr beliebte Schülerin, deren Lehrer die Eltern drängten, sie auf eine weiterführende Schule zu schicken. Das jedoch war jenseits des Horizonts von Katharinas Eltern. Ihre Vorstellungen waren, dass sie später einmal ihr Lebensmittel-Einzelhandelsgeschäft übernehmen sollte. Dazu brauchte sie keinen höheren Schulabschluss. Eine Weichenstellung, die sich im Leben des Mädchens später zu einer Krise ausweitete. Die Ursache lag schlicht und einfach darin: Ihre engsten Freundinnen gingen zum Gymnasium, sie allein blieb in der Volksschule zurück. Nachdem sie diese mit dem 8. Schuljahr abgeschlossen hatte, begann sie eine dreijährige Lehre zur Einzelhandelskauffrau und arbeitete nach abgeschlossener Ausbildung im elterlichen Geschäft. Die Freundschaften blieben, die Bildungskluft wuchs: Inspiration und Elend lagen sehr nah beieinander. Katharina litt unter der Situation einer sechstägigen Arbeitswoche von in der Regel 13 Stunden am Tag. Die Sonntage verbrachte sie entweder bei den inzwischen studierenden Freundinnen, wo sie sich immer dümmer fühlte als alle anderen, oder sie blieb allein und fühlte sich einsam. Nirgends gehörte sie so recht hin, entwickelte in diesen Zeiten jedoch einen unstillbaren Bildungshunger, las alles, was ihr unter die Finger kam und versuchte, so ihr vermeintliches Defizit zu verringern. Aus ihrem Alltagsleben als Verkäuferin im elterlichen Laden floh sie regelrecht, schaffte sich mit ihren Büchern eine Parallelwelt, während im Laden die Kunden Schlange standen. Das waren keine leichten Zeiten für sie selbst wie für ihre Eltern, die Tag für Tag spürten, wie sich ihr Kind von ihnen entfremdete. Sie selbst träumte sich Nacht um Nacht als einen Vogel, der hoch und höher und ganz weit wegflog. Ja, das wollte sie: Weg und raus!

Bildungshunger

Eine sechswöchige Japanreise zu Land, Luft und Wasser im Jahr 1968 wurde für Katharina lebensgeschichtlich zum Tor für ein neues Leben. Nach ihrer Rückkehr aus Tokio spürte sie die Enge der Kleinstadt erst recht, litt unter ihrem Beruf mehr denn je. Ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben wurde zu einer bestimmenden Kraft: Unaufhaltsam betrieb sie die Vermietung des elterlichen Ladens voran, dabei kam ihr die Entwicklung der Verdrängung der Tante-Emma-Läden hin zu den großen Supermärkten entgegen. Das einstmals gut florierende Einzelhandels-Geschäft war nicht mehr zukunftsfähig. Der Weg, sich nach einer anderen Arbeit umzusehen, war frei.

Zu Gast in Japan

Was ihre Eltern betrifft, so war es besonders für den Vater schwer, als seine Tochter zunächst nach Düsseldorf, später nach Berlin ging und dann sogar noch für ein Studienjahr ins Ausland zog. Weggegangen ist sie zwar, doch hat sie ihre Eltern nie verlassen und weiß bis heute, wieviel sie ihnen, besonders ihrer Mutter, verdankt. Ihren Weg aber musste sie selbst suchen und finden.

 

 1970 – 1979 Aufbrüche: Aus der Kleinstadt nach Düsseldorf und Berlin

 

Beruflich hatte sich nichts verändert: Katharina arbeitete wieder als Verkäuferin, nun in einem vornehmen Düsseldorfer Delikatessengeschäft und erlebte dort wohl die einsamste Phase ihres Lebens. Später sagte sie über dieses Jahr, sie habe nur vegetiert, aber nicht gelebt. Durch einen Hostessen-Einsatz bei der „Grüne(n) Woche“ kam sie nach Berlin und arbeitete dort wieder als Verkäuferin in einem renommierten Delikatessenladen am Kurfürstendamm. Mit einer ihrer Kindheitsfreundinnen wohnte sie in einer Wohnung im zweiten Hinterhof im Wedding. Ihre Freizeit verbrachten die beiden jungen Frauen in der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) an der Technischen Universität. Das war einerseits schön, ging aber andererseits gar nicht: Inspiration und Elend lagen hier erst recht nah beieinander. Zwar lernte Katharina dort ihren ersten Mann kennen, verlor aber ihre Kindheitsfreundin und geriet in eine schwere Identitätskrise: Wer bin ich? Was möchte ich sein? Was kann ich an meinem Leben verändern, damit ich mich selbst und meine Berufstätigkeit annehmen und sinnvoll ausfüllen kann? Was sich leicht liest war jedoch – bis hin zu körperlichen Symptomen – ziemlich schwer zu leben.
Durch ihren späteren Mann bekam Katharina Rückendeckung auf ihrem Weg, dessen Ziel aber zu diesem Zeitpunkt noch recht unklar war. Ging es ihr nur darum, ihre vermeintlichen Defizite aufzuarbeiten, zufriedener und selbstbewusster zu werden? Oder wollte sie mehr erreichen im Sinne einer für sie sinngebenden Berufstätigkeit? Eine solche Fragestellung war ihr damals überhaupt nicht klar, Katharina machte sich einfach auf den Weg: Raus aus dem Verkäuferinnendasein besuchte sie eine Wirtschaftsfachschule. Durch den Schulbesuch genoss sie die Zeit einer begrenzten Freiheit gemeinsam mit anderen Absolventinnen ihres Jahrgangs. Nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung zur Stenokontoristin arbeitete sie als Empfangssekretärin in einer Werbeagentur, als Sekretärin in einer Elektro-Installationsfirma und in einem Dentallabor, musste aber je und je die Erfahrung machen, nicht in diese Milieus zu passen. Ihr neues Zuhause Studentengemeinde vertiefte den Bildungsgraben und die damit einhergehende persönliche Verunsicherung. Ihre berufliche Lage nagte an ihr, ihr Magen rebellierte, sie bekam Angstzustände. Katharina wurde ihr Leiden Inspiration und Elend nicht los bis sie begriff, dass sie etwas Grundsätzliches unternehmen müsste.
Neben ihrer Ganztagsarbeit besuchte sie abends VHS-Kurse, bekam die Mittlere Reise attestiert als Voraussetzung für die Aufnahmeprüfung am Berlin-Kolleg, wo sie 1975 die Allgemeine Hochschulreife erlangte. Im gleichen Jahr heiratete Katharina den Physikstudenten aus der Studentengemeinde, der sie bei ihren Bildungsausflügen immer unterstützt hatte. Durch ihre Erfahrungen in der ESG und persönliche Begegnungen bestimmt nahm sie in Berlin das Studium der Evangelischen Theologie auf, schaffte es, die Hürde der drei alten Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein zu nehmen und wurde als Stipendiatin eines Begabtenförderungswerkes aufgenommen. Hatte Katharina einerseits das Ziel der Überwindung ihres Bildungsdefizits erreicht, so brachte andererseits ihr damit gestärktes Selbstbewusstsein die Trennung von ihrem Mann mit sich. Sie schafften es nicht, die Veränderungen positiv in ihr gemeinsames Leben zu integrieren.

 

1979-1990 Von Berlin nach Jerusalem und zurück

 

Durch einen theologischen Lehrer an der Kirchlichen Hochschule angeregt und ihre studentische Arbeit in einem Institut, das der Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses verpflichtet ist, ging Katharina für ein Studienjahr der Judaistik und Theologie an die Hebräische Universität in Jerusalem und studierte anschließend weiterhin Theologie in Berlin. In diese Zeit fiel auch die Scheidung, sie lebte etwa sieben Jahre allein bis sie Mitte der 80er Jahre ihren heutigen Mann, einen Theologen, kennenlernte. Sie näherten sich zaghaft, brauchten ein paar Jahre bis es klar war, dass sie ein Paar sein und bleiben wollten. Katharina beendete ihr Studium, machte ihr erstes Theologisches Examen, das Vikariat und schloss mit dem zweiten Theologischen Examen ihre dritte Berufsausbildung ab. 1988 wurde sie als 41-Jährige zur Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (Berlin-West) ordiniert und arbeitete zwei Jahre lang in der Verwaltungsbehörde ihrer Landeskirche. Ihr beruflicher Werdegang mit drei abgeschlossenen Berufsausbildungen steht (auch) für das, was inzwischen vielen Menschen abverlangt wird: Flexibilität im Sinne von „Der Beruf fürs Leben ist tot. Es lebe das Leben für den Beruf.“

 

1991 – 2012  Heirat und Gemeindeleben

 

Im Januar 1991 trat Katharina eine Pfarrstelle in einer großen Berliner Innenstadtgemeinde an und feierte dort in ihrem ersten Jahr mit ihrem Mann ein rauschendes Hochzeitsfest: Alle waren geladen, die Familie, Freundinnen und Freunde, die ganze Gemeinde.
Mehr als zwei Jahrzehnte war sie mit Leib und Seele Gemeindepfarrerin, hat Gottesdienste und Andachten gehalten, Menschen getauft, konfirmiert, getraut und beerdigt. Dazu hat sie immer wieder Gruppen geleitet, KiTa-Kinder, Konfirmanden, jüngere und alte Menschen wie auch Trauernde begleitet. Trösterin und Managerin war sie, hat Ehrenamtliche gewonnen, Veranstaltungen konzipiert und durchgeführt und nicht zuletzt war sie auch als Geschäftsführende und Reiseleiterin tätig. In diese Zeit fiel auch ihre vierte (!) Ausbildung zum Persönlichkeits- und Berufscoach. Mit dieser neu erworbenen Professionalität und ihren eigenen Lebenserfahrungen konnte sie etlichen Menschen auf der Suche nach einer Neuorientierung helfen. Die Aufgaben einer Gemeindepfarrerin sind vielseitig und umfassend, abwechslungsreich und anstrengend zugleich. In vielen gemeindlichen Arbeitsbereichen kam es Katharina zugute, dass sie zehn Jahre Erfahrung in unterschiedlichen Berufen und Arbeitsfeldern hatte. Sie kannte das Berufsleben mit seinen Herausforderungen, hatte sich diverse Fertigkeiten erworben und spürte immer wieder: Die früheren Jahre waren nicht vergebens.

Vor dem Ruhestand

 Ab Mai 2012 Ruhestand und Reisen – Bordgeistliche und Autorin

 

Nach Eintritt in den Ruhestand reiste Katharina nach Griechenland, ließ sich inspirieren und heuerte – beauftragt von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – ab 2014 als Bordgeistliche auf kleinen Kreuzfahrtschiffen an. Während einer eindrucksvollen Reise in die Inselwelt der Ägäis wurde sie von einem rbb-Team begleitet: Von der Regisseurin Angelika Brötzmann mit einer Kamerafrau und einem Tontechniker. Daraus ist der sehr einfühlsame Film „Segen auf See“ entstanden, der einem späteren, im Patmos-Verlag erschienenen Buch seinen Titel gab. So wurde aus Katharina, der Pfarrerin im Ruhestand, zunächst eine Bordseelsorgerin und dann eine Autorin. Ihr zweites Buch „Sehnsucht himmelwärts“ ist durch die Gestalt der Protagonistin Anna stark autobiografisch geprägt und zeugt von dem vitalen Lebensprinzip Sehnsucht, das mutige Schritte und Kreativität hervorzubringen vermag. Ein hilfreiches Buch, für alle, die Veränderungen wagen und sich auf den Weg zu sich selbst machen wollen. Wunderschöne Himmelsfotos machen dieses Buch zu einem Kleinod.

 

Sicherheitsübung/MS Albatros

 

KONTAKT 

Angelika Brötzmann

Tel: +49 151 14450850
info@biografienforum.de

Ab März 2020 – Corona-Zeit – die ganze Welt ist ausgebremst

 

Nachdem ein Buch in die Welt gekommen ist, beginnt eine neue Arbeitsphase mit Lesungen und öffentlichen Auftritten in Funk und Fernsehen. So war es bei „Segen auf See“, so sollte es bei „Sehnsucht himmelwärts“ sein. Doch nach zwei sehr schönen Veranstaltungen kam Corona nach Deutschland. Die ganze Welt ist ausgebremst, wir alle sind ausgebremst, auch die Autorin Katharina Plehn-Martins. Ende April sind wir erklärtermaßen in Deutschland noch am Anfang der Corona-Krise, Prognosen über die Länge und weitere Intensität sind derzeit wohl nicht möglich. Wir werden erleben, wie lange diese Krise unser Leben bestimmen und uns verändern wird.
Berlin, den 24. April 2020.

 

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