Karin Brodde

Ich wurde 1960, als mittleres von drei Kindern geboren und wuchs in einem kleinen Ort am Rande der Lüneburger Heide auf.
Meine Eltern führten neben einer Bau- und Möbeltischlerei auch ein Beerdigungsinstitut, die beide von meinem Urgroßvater 1989 gegründet worden waren.

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Drei Generationen 1929

3. und 4. Generation: Vater und Tochter 1962

Damals war der Tischler im Ort auch gleichzeitig der Bestatter. Man erlernte diesen Beruf nicht, sondern wuchs einfach hinein. So wie mein Vater und später mein Bruder und ich.
Nach dem frühen Tod unserer Eltern übernahm mein Bruder das Familienunternehmen, so wurde auch er Bestatter. Und ich … ja ich vertrat ihn, wenn er verhindert war. Ich war die Bestatterin.
Zum Schreiben kam ich, als mein ältester Sohn mir vor acht Jahren einen gebrauchten Laptop schenkte. Um damit umgehen zu können, musste ich allerdings mehrere Kurse an der Volkshochschule Celle belegen.
Zuerst schrieb ich Kurzgeschichten und Erzählungen über das Leben einer Hausfrau und Mutter. Würzte diese mit einer ordentlichen Portion Humor und hatte auch kein Problem damit, mich selbst auf die „Schippe“ zu nehmen.
Ich belegte verschiedene Schreibkurse an der Volkshochschule, um meinen Schreibstil zu verbessern.
In einem dieser Kurse, der SchreibWerkStatt, behandelten wir das Thema: Sterben, Tod und Trauer.
Und so kam ich auf die Idee, über meine Kindheit als Tochter eines Bestatters zu schreiben.

Frühjahr 1961

April 1963

Meine Glockengeschichte
Das wehklagende Trauergeläut der Glocken begleitete mich in den frühen siebziger Jahren bei den Beisetzungen meines Vaters und seiner Mutter (meiner Oma) und nur vier Jahre später, bei der Beerdigung meiner Mutter. Ich war noch ein kleines Mädchen, beziehungsweise ein Teenager, als mich und meine beiden Geschwister diese Schicksalsschläge ereilten. Den melancholischen Klang der Glocken werde ich nie vergessen.
Da unsere Familie über mehrere Generationen auch ein Bestattungsinstitut führte, hat mich der traurige Klang der Glocken über Jahrzehnte begleitet. Immer, wenn ich meinen Bruder, den Bestatter, vertreten habe und somit selber Trauergespräche und die Beerdigungen ausrichten musste, hörte ich die Glocken von St. Lamberti.
In der Vergangenheit musste ich des Öfteren an damals denken und zwar immer dann, wenn das Trauergeläut der St. Lamberti Glocken durch Ber­gen hallte. Nach den vielen, vielen Jahren schmerzt es nicht mehr, aber es bleibt unvergessen.

Damit die Menschen wieder innehalten und vielleicht sogar etwas Trost finden, hoffe ich, dass der Glo­ckenstuhl schnell fertiggestellt wird, damit die neuen Glocken zu alt gewachsenen Traditionen erklingen können.

(aus dem Gemeindebrief Nr. 09/2020 der St. Lamberti Kirchengemeinde Bergen)

Unsere Friedhofskapelle

Die Friedhofskapelle ist eigentlich ein Ort der Trauer und des stillen Gedenkens.
Für mich als Tochter eines Bestatters ist sie aber auch ein Ort glücklicher Kindheitserinnerungen.

Oft begleitete ich meinen Vater, wenn er mit unserem Leichenwagen einen Verstorbenen zur Kapelle brachte und den Sarg in einen kleinen Nebenraum stellte, wo dieser bis zur Beerdigung aufbewahrt wurde.

Musste mein Vater eine Trauerfeier vorbereiteten, durfte ich ihm manchmal dabei helfen.
Ich wechselte die angebrannten, dicken Kerzen in den großen hölzernen Ständern aus, polierte die mehrarmigen Kerzenleuchter und stellte sie auf den Sarg, oder ich verteilte Gesangbücher auf die einzelnen Sitzbänke.
Währenddessen rollte mein Vater mehrere, rot schwarze Teppichläufer aus, baute Spaliere auf und verteilte die mitgebrachten, oder von der Gärtnerei angelieferten Trauerkränze vor und um den Sarg herum.
So wurde aus dem leeren und immer kalt wirkenden Raum eine hübsch geschmückte Friedhofskapelle.

Wenn mir in den Sommermonaten der intensive Leichengeruch zu sehr in die Nase stieg, verließ ich die Kapelle und kletterte auf die kleine Mauer, welche das Friedhofsgelände zur Hauptstraße hin begrenzte. Hier turnte ich solange herum, bis mein Vater mit allem fertig war.
Weil ich ihm so viel geholfen hatte, kaufte mir mein Papa an dem Kiosk vor dem Friedhof, zur Belohnung manches mal ein großes Eis.

Erst dann fuhren wir im Leichenwagen wieder zurück nach Hause.

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