Wenfang Zhang

Geboren wurde ich im Frühling 1944 im Dorf XiLiang des Kreises HaiCheng in der Provinz LiaoNing. Die Mutter gab mir den Vornamen „XiaoFang“. Denn meine vielen älteren Cousinen von väterlicher Seite hießen X-Fang. Z.B. HuiFang, LanFang, LiFang, MinFang, SuFang, YuFang, YunFang usw.

Zhang ist der verbreitetste Nachname in China

Das war und ist häufig so in China. Alle Mitglieder einer Generation in einer großen Familie haben ein gemeinsames Wort im Ende oder im Anfang des Vornamens. Familie Zhang war und ist ein großer Familienname im Dorf, wo ich geboren war. Auch in China bildet Familie Zhang die Mehrheit der Bevölkerung. Wenn es unter einem Familiennamen viele Mitglieder gibt, zeigt dies Macht, Reichtum und mehr Verwandtschaften an.

 Mein Großvater hatte 5 Brüder. Jeder Bruder hatte mindestens 2-3 Söhne, die jeweils mindestens 2-3 weitere Söhne hatten. So vermehren sie sich, die Verwandten der Familie Zhang. Bis zur 3. Generation hatte ich schon mindestens 15 Cousinen, die alle mit dem Vornamensende Fang genannt wurden. Auch bei den Männern war das so. Meine Brüder in dritter Generation hatten mindestens 15 Cousins, die alle dasselbe Wort Qing im Anfang des Vornamens trugen. Z.B. QingBo, QingTao, QingRui, QingShen, QingHe, QingXiang, QingFeng, QingJia, QingJi, usw. Nach dieser Regel können sie überall in der Welt miteinander erkennen, dass sie aus derselben Wurzel in der Heimat stammen.

Ich verlebte eine glückliche Kindheit, zusammen mit den Großeltern und den Eltern auf einem großen Bauernhof. Die Familie besaß ein braunes Pferd, das nannten sie „Lao Ma“ – „altes Pferd“. Jedes Jahr züchtete die Familie ein Schwein zum Schlachten im Frühlingsfest. Obwohl mein Großvater auf dem Land lebte, war er kein richtiger Bauer, weil er eine Schule besucht hatte und nicht auf dem Feld arbeitete. Er stellte Landarbeiter ein, die für ihn und seine Familie auf dem Feld arbeiteten. Üblicherweise kamen die Landarbeiter im Frühling zum Anbauen, im Sommer zur Unkrautbeseitigung und im Herbst zum Ernten. Insgesamt waren es drei bis fünf Landarbeiter.

Meine Mutter

Meine Mutter war eine gelehrte Hausfrau, hieß „XiuYing“, war die jüngste Tochter eines Kaufmanns. Ihre 5 älteren Schwestern und 2 älteren Brüder waren ihre Halbgeschwister, weil ihre Mutter die zweite Frau ihres Vaters war. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete der reiche Kaufmann eine junge Frau, die XiuYings Mutter war. Bevor XiuYing zur Welt kam, starb ihr Vater, der Kaufmann. So lebten XiuYing und ihre junge Mutter mit ihrem ersten älteren Bruder zusammen und waren von ihm finanziell abhängig. 

Unter Chinas Patriarchat war es immer so: wenn der Vater starb, übernahm der älteste Sohn die Vaterrolle und die Verantwortung für die Familie.

Der älteste Sohn des Kaufmanns war Schullehrer. Ursprünglich wohnte der Kaufmann mit seiner ganzen Familie (Frau und 7 Kinder) in der Kreishauptstadt HaiCheng. Später kaufte er auf dem Land in dem großen Dorf GanWangZhen Grundstücke und Ackerland, um frisches Gemüse auf dem eigenen Land zu pflanzen. Zugleich ließ er zwei große Häuser mit jeweils fünf Zimmern auf dem Grundstück bauen. Das Haus mit dem größeren Hof diente als Gaststätte für die Unterkunft der Transportleute, die mit der Pferdekutsche unterwegs waren. Das andere Haus im abgetrennten Hof blieb unbewohnt. Das Ackerland wurde an Bauern verpachtet. Am Ende der Ernte im Herbst mussten die Bauern Steuern zahlen und das frische Gemüse an die Ackerbesitzer abliefern.

Nach dem Tod des Kaufmanns zog der erste Sohn, Chang ShouChen, mit Ehefrau, der Stiefmutter und den beiden jüngsten Schwestern, XiuLan und XiuYing, aufs Land in das große Dorf GanWangZhen und arbeitete dort an einer Grundschule als Lehrer. Später wurde er dort Schuldirektor. Nebenbei verwaltete er die Gaststätte. Seine Familie war im Dorf GanWangZhen und Umland angesehen und reich. Um eine gute Bildung zu bekommen, schickte er seine beiden jüngsten Schwestern XiuLan und XiuYing auf die private Einklassenschule. Dort wurden sie mit anderen reichen Mädchen zusammen von Privatlehrern unterrichtet. In den 30iger Jahren wurde China von der nationalen Revolutionsbewegung beeinflusst. Die Bewegung der Frauenemanzipation verbreitete sich in China und auf dem Land. Im großen Dorf GanWangZhen gab es schon eine Grundschule mit Mädchen und Jungen zusammen in einer Klasse. So konnten die beiden jüngsten Schwestern XiuLan und XiuYing auch diese moderne Gesamtschule besuchen, wo ihr älterer Bruder Chang ShouChen unterrichtete. In dieser Schule lernte auch ein Junge aus dem Dorf XiLiang in der höheren Klasse. Er hieß Zhang BaoXiang, war mathematisch sehr begabt und in der Schule bekannt, weil sein Name in der Prüfungsergebnisliste an der Wand des Schulhofs immer auf Platz eins stand. Das fiel XiuYing auf. Nach der Grundschule besuchte Zhang BaoXiang eine Pädagogische Fachschule in der Stadt Shenyang und absolvierte sie als Pädagoge. Danach kehrte er wieder in seinen Heimatkreis zurück und arbeitete als Lehrer in der Schule im großen Dorf GanWangZhen, die er als Schüler besuchte.

Der Lehrer Zhang BaoXiang war ein intelligenter, ruhiger junger Mann. Er gefiel dem Schulleiter Chang ShouChen gut. Chang ShouChen wollte seine jüngste Schwester XiuYing mit ihm verheiraten und holte XiuYing bald aus der Stadt AnShan nach Hause zurück, wo sie gerade bei ihrem Cousin, dem Oberingenieur der AnShan-Stahlhütte, wohnte und dort in AnShan eine Arbeit suchte. Da sie vom Konfuzianismus tief geprägt, loyal und gehorsam war, folgte sie ihrem älteren Bruder gegen ihren eigenen Willen, kam von der Stadt AnShan nach Hause ins Dorf GanWangZhen zurück. Dann heiratete sie den jungen Lehrer Zhang BaoXiang. Sie kannte ihn aus derselben Grundschule und wusste, dass er mathematisch begabt war.

Nach der Heirat musste XiuYing zu ihrem Mann ins andere Dorf XiLiang umziehen. Sie brachte eine riesige Mitgift mit: einen Goldring, einige Edelsteinringe und -halsketten, ein japanisches Fahrrad und eine japanische Armbanduhr, die sie später ihrer ersten Tochter, also mir, XiaoFang, zum Studium schenkte, 2 große metallene Kisten, lackiert mit blauen Farben und Blumenmustern, voll neuer Kleidung, die meiste davon aus Seide und Schurwollstoffen. Damit zeigte sie vor der neuen Familie und den neuen Verwandten ihren Reichtum. Sie war in der Familie und bei den Verwandten hoch geachtet, viel beliebter als ihre Schwägerin, weil sie zu den anderen immer nett und hilfsbereit war. Doch hatte sie ein Problem mit der neuen Familie: der Bauernhof.

Obwohl der Schwiegervater im Dorf ein angesehener Herr war und das ganze Ackerland von Landarbeitern bepflanzt wurde, musste XiuYing als dessen Schwiegertochter schwere Hausarbeit verrichten, Zimmer aufräumen, Schweine füttern und für die ganze Familie kochen. In der Saisonzeit der Feldarbeit musste sie auch für die Landarbeiter kochen. Fünf Jahre nach der Heirat gebar sie schon drei Kinder. Das erste war ein Junge, aber nach der Geburt war er tot. So gebar XiuYing im nächsten Jahr wieder einen Jungen. Der hieß QingBo, war das Lieblingskind des Großvaters. Drei Jahre später wurde ich geboren.

Ich war stärker und klüger, aber unartiger als mein Bruder. Der Großvater mochte mich nicht. Die Mutter schlug mich oft wegen meiner Frechheit und meines Ungehorsams. Je mehr die Mutter mich schlug, desto mehr beharrte ich auf meinen Willen. So protestierte ich durch lautes Schreien und andauerndes Weinen. Mit der Zeit bekam ich eine Stimmbandentzündung, später häufig Luftröhrenentzündung – Asthma, so dass ich von einem starken und gesunden Baby zu einem häufig kranken Kind geworden war. Das tat meiner Mutter sehr leid und belastete meine Mutter.

Die langjährige, schwere Hausarbeit als Schwiegertochter, Hausfrau und Mutter von zwei Kindern belastete XiuYing körperlich stark. Mit der Zeit erkrankte sie auch an Asthma, konnte nicht mehr schwere körperliche Arbeit leisten. Deshalb stellte die Familie einen Hausdiener ein. Er hieß QingJi, mit demselben Familiennamen Zhang. Der war ein allein stehender Mann um die 50 Jahre und besaß nichts, ähnlich wie ein Obdachloser. Der Großvater nahm ihn auf. Seine Aufgaben waren Essenkochen und Schweinefütterung. QingJi war dieselbe Generation wie XiuYing. Sie nannte ihn „da ge“ – „Großer Bruder“. Ich hatte immer ein Problem mit ihm, weil ich beim Essen gern redete und deshalb immer langsamer war als die Anderen, so dass QingJi immer warten musste, bis ich fertig aß, nur dann konnte er den Esstisch abdecken. Wenn er keine Geduld mehr hatte zu warten, sagte er zu mir: „da xiao jie, – liebe Lady, bitte iss schnell, quatsche nicht beim Essen!“ Ich war sauer auf ihn und sagte zu ihm: „da lao ye – lieber Herr, ich brauche deine Belehrung nicht!“

Ich hatte auch eine gespannte Beziehung zu meinem Großvater, weil er meinen älteren Bruder beachtete und mich als Mädchen diskriminierte. Der Großvater liebte und verwöhnte seinen ersten Enkel QingBo viel mehr als mich, seine Enkelin XiaoFang. Wo er hinging, nahm er QingBo mit. Als ich 5 Jahre alt war, besuchte mein Bruder QingBo die Schule. Der Großvater nahm mich erstmals ohne QingBo zu einem Wochenmarkt im großen Dorf GanWangZhen mit.

Auf dem Markt wollte ich ein paar Birnen kaufen. Obwohl ich den Großvater öfters um den Birnenkauf bat, erfüllte der Großvater meinen Wunsch nicht und ging einfach allein fort. Ich lief ihm hinterher, weinte und schrie entlang des ganzen Weges bis nach Hause. Danach war ich krank, bekam Fieber, hustete stark. Es tat meiner Mutter weh. Sie tröstete mich mit kritischen Worten über den Großvater: „Wenn dein Bruder QingBo mit ihm zum Wochenmarkt gegangen wäre, würde er für ihn bestimmt alles kaufen, was er wollte.“ Die Jungen höher zu achten als die Mädchen ist in China eine normale Tradition, eine gesellschaftliche und historische Ungerechtigkeit gegenüber den Jungen und Mädchen.

Ein Abend im Jahr 1990 im Labor der AG Elektrochemie an der Freien Universität

  

2012

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